Das Juwel in der Herrenberger Altstadt

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In der kurzen Kirchgasse, die steil zur Stiftskirche hinaufführt, steht quer zum Hang ein zierliches Häuslein, liebevoll als „schwäbisches Hochhaus“ genannt. Es ist in die Tiefe entwickelt und stößt mit der hinteren Giebelseite an das Nachbarhaus, vor dessen Front die Kirchentreppe vorbeiführt. Die beiden aneinander gebauten Hausteile zeigen unterschiedliche Fußbödenhöhen und auch die Firste sind verschieden hoch. Dieser Bau ist typisch für die Handwerkerhäuschen im altwürttembergischen Gebiet. Im Sockelgeschoss ist der Grundriss der Länge nach geteilt in einen schmalen Streifen auf der linken Seite, der den Ern mit der Treppe enthält, und in einen breiteren auf der rechten, der vorne als Lager und dahinter als Vorratsraum eingerichtet ist. Im Hintergrund des Erns zweigt ein Stichflur ab, der zum Keller führt. Ern und Lagerraum besitzen Außentüren an der Straße, ein Zwischengeschoß, dass Werkstatt und Lagerraum enthält, wird über eine Stufe des unteren Treppenlaufs erreicht, der hintere Teil, vom Zwischenpodest zu erreichen, ist nicht einmal mannshoch und mag zusätzlich zum Abstellen von Gerümpel gedient haben.

Die drei Etagen verbindende Treppe ist einläufig und enthält ein Zwischenpodest in Höhe des Zwischenstocks, der obere Lauf führt zum Oberstock, der eine Wohnstube nach der Gasse zeigt, hinter der sich rechtseitig eine lichtlose Küche und linksseitig der Ern mit Treppe anschließt. Ein hinter Küche und Ern befindlicher Querflur gehört noch zum Abschluss des Vorderhauses, er führt zu einer Schlafkammer und zu einem entlang der Kammer eingebauten schmalen Gang, von dem man durch eine Tür ins Freie auf der Kirchstaffel gelangt“. Das Bürgerhaus zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb OSCAR HEINITZ, Verlag Ernst Wasmuth Tübingen.

Dieses sanierungsbedürftige Fachwerkhaus wurde 1984 von einem Berliner Ehepaar gekauft und mit viel Liebe und Herzblut unter der Aufsicht und den Vorgaben der unteren Denkmalbehörde und dem Landesdenkmalschutz sehr aufwendig zu einem Kleinod kernsaniert. Nach Fertigstellung konnte das Haus Ende Oktober  1986 bezogen werden. Die Inschrift im Türsturz über dem Eingang bezeugt, dass das Häuschen im Jahr 1646, neun Jahre nach dem großen Stadtbrand, errichtet worden ist. Aus den Urkunden geht hervor, dass es von dem Strumpfwirker Peter Pfeffer, dessen Initialen die Jahreszahl umrahmen, aufgebaut worden ist.

Heute erstrahlt dieses „Schwäbische Hochhaus“ in neuem Glanz. Im Erdgeschoss ist mit direkter Verbindung zu dem 500 Jahre alten Gewölbekeller, in dem durchschnittlich etwa 700 ausgezeichnete Weine lagerten, eine kleine „Kneipe“ entstanden. Im ersten Obergeschoss befindet der sich der oft erwähnte Ern. Im Anschluss gibt es ein Bad, Gäste-WC und ein Gästezimmer. Im zweiten OG befinden sich das große Wohnzimmer mit offener Küche und anschließendem, ebenfalls offenem Esszimmer und der Ausgang zur Kirchenstaffel. Wieder eine Etage höher gibt es eine Galerie, von der man einen herrlichen Blick zur Schwäbischen Alb hat. Im nördlichen Teil dieser Ebene befindet sich dann das Schlafgemach mit Badezimmer. Über allem gibt es dann noch eine kleine vierte Etage, die Nähstube.

Wer einmal das Glück hat in einem solch wunderschönen, Denkmal geschütztem Fachwerkhaus zu leben, lebt wie in einem kleinen Paradies.